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„Chicken or beef?“. Samstag, 26. Dezember 2004, 1.58 Uhr MEZ. GF20, Gulf Air, Frankfurt; Bahrain, Abu Dhabi. Eben wird die Spätmahlzeit serviert, irgendwo über dem südlichen Mittelmeer.
Nach einem kurzen Stopp in Bahrain landen wir in Abu Dhabi. 9.00 Uhr Ortszeit. Abu Dhabi ist mit etwa 80% der Gesamtfläche das größte Land der Vereinigten Arabischen Emirate, die gleichnamige Stadt, in den 1960er Jahren vor der Entdeckung von Erdöl noch ein Fischerdorf, mit heute etwa 1 Million Einwohnern deren Hauptstadt. Abu-Dhabi-Stadt (Bilder hier ) hat nichts Gewachsenes, eine seltsam künstlich anmutende Welt, Hochhäuser, die die doch zahlreichen Moscheen um ein vielfaches überragen, der schnöde Mammon doch wichtiger als die Religion?, und keine Menschen. Wie nach einer Sintflut. Die Straßen menschenleer.
Jakarta, 27. September 2004, früher Nachmittag Ortszeit. Leichte Bewölkung, 32°C, alles nach Plan. Wir wollen uns erst vor Ort entscheiden, ob es Sumatra sein soll, Java oder doch lieber Bali. Ganz nach Laune, Wetter und Verfügbarkeit von Inlandsflügen. Die Laune ist prächtig, das Wetter spricht nicht dagegen, also Sumatra. Padang. Schnell ist der Flug gebucht. Wir ahnen nichts.
Etwa 90 km von Padang, 920 m ü.d.M. liegt der hohe Hügel, Bukittinggi. Mittlerweile bringen auch lokale Medien Bilder und Berichte, wenn auch fast ausschließlich über Aceh. Man beginnt, das Ausmaß der Katastrophe erahnen.
„Indonesia menangis“, Indonesien weint, wird zum offiziellen Motto und ein entsprechender Jingle leitet jede Folge der Berichterstattung im Fernsehen ein. Das Motto hat etwas Heuchlerisches: Indonesien steht mit Aceh im Krieg. Seit 1976 kommt es immer wieder zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Regierungstruppen und Rebellen, die für eine Unabhängigkeit der Provinz kämpfen. Die Bevölkerung fühlt sich von der korrupten Lokalverwaltung vernachlässigt und von Jakarta um Bodenschätze geprellt. Vor der Küste waren große Erdgasfelder entdeckt worden. Seither fließen jährlich etwa eine Milliarde Dollar in die Kassen der Zentralregierung. Für die 4,3 Millionen Einwohner der Provinz bleibt wenig übrig. Nasruddin, aufgewachsen in einem kleinen Dorf in der Provinz und als junger Mann vor den Schikanen des Militärs in die Provinzhauptstadt Banda Aceh geflohen, erzählt dem „SPIEGEL“: Als er zehn Jahre alt war, drangen indonesische Soldaten in seine Schule ein. „Sie hielten meinem Lehrer den Gewehrlauf an die Stirn und zwangen ihn niederzuknien“, erinnert er sich. „Sie haben ihn vor uns gedemütigt“. Die Militärs hatten den Erzieher verdächtigt, mit den Guerilleros zu sympathisieren. Ironischerweise hat erst dieser Vorfall Nasruddin und viele seiner Klassenkameraden zu Gegnern des Regimes gemacht. „Seither verachte ich die Indonesier“, sagt er.
Die systematische Abschottung der ohnehin schwer zugänglichen Region lässt befürchten, dass die Zahl der bislang gezählten Opfer noch erheblich nach oben wird korrigiert werden müssen. Wer die Vorgänge in der ehemaligen indonesischen Provinz Timor Timur, dem seit dem 20. Mai 2002 nun endgültig unabhängigen, heute jüngsten Staat der Welt, Ost-Timor beobachtet hat, braucht nur wenig Phantasie, um sich auszumalen, wie sich gewisse pro-indonesische Kräfte die gegenwärtige Situation zu Nutzen machen könnten: Seit Mitte der 1970er Jahre war es neben den Aktivitäten der Guerilla dort immer wieder auch zu Demonstrationen der Zivilbevölkerung gekommen, die von der indonesischen Armee mit Waffengewalt aufgelöst wurden, wobei immer wieder zahlreiche Opfer zu beklagen waren. Nach über 20 Jahren Bürgerkrieg kam es 1999 unter internationalem Druck schließlich zu einer Volksabstimmung, bei der sich 78,5% der Einwohner Ost-Timors für eine Unabhängigkeit der Provinz aussprachen. Unmittelbar danach überzogen pro-indonesische Milizen die östliche Inselhälfte mit einer Welle der Gewalt, die ganze Städte in Chaos und Anarchie stürzte. Hunderte von Häusern standen in Flammen und die Toten und Verletzten hat bis heute niemand gezählt. Indonesische Sicherheitskräfte sahen tatenlos zu. Auch ist es mittlerweile kein Geheimnis mehr, dass die für die Massaker verantwortlichen Milizen auf den Übungsplätzen des Militärs ausgebildet und mit modernen Schnellfeuerwaffen ausgerüstet worden waren.
Staatstrauer wird angeordnet und von der in Indonesien vielfach ungeliebten Polizei streng überwacht. Sämtliche Feiern zum Jahreswechsel werden untersagt. Lautsprecherwagen fahren durch die Stadt um vor Verstößen gegen das Verbot zu warnen. Trotzdem finden sich im Laufe des Sylvesterabends Zehntausende aus den umgebenden Dörfern und Kleinstädten, aber auch aus Padang, das wegen Warnungen vor Nachbeben kurzfristig evakuiert wird, in Bukittingi ein. Die Stimmung kocht hoch und auf dem Platz am Clock Tower fliegen uns bereits gegen 23 Uhr die Feuerwerkskörper um die Ohren. Alle Appelle über die Lautsprecheranlagen der umgebenden Moscheen gehen in ohrenbetäubendem Getöse unter, als um Mitternacht die letzten Reserven mobilisiert werden: „Selamat tahun baru“, ein gesegnetes neues Jahr. Die Menschen umarmen einander und lassen uns, als einzige Weiße auf dem Platz, hochleben.
Dabei ist die Betroffenheit in der Bevölkerung echt. Am Neujahrstag wollen wir ein Motorrad mieten, um für die folgende Woche die Umgebung zu erkunden. Wir machen Terry ausfindig, einen Mann, der neben dem in Südostasien weit verbreiteten halbautomatischen Honda-Scooter auch ein richtiges, geländegängiges Motorrad besitzen soll. Entgegen der Vereinbarung erscheint Terry am Treffpunkt mit dem Scooter und bemüht sich wortreich, die vielen Vorteile des Gefährts herauszustellen. Als ich ihn schließlich frage, ob er denn das andere Motorrad selbst brauche, räumt er fast kleinlaut ein, zusammen mit einer lokalen Rettungsorganisation Hilfsgüter nach Aceh transportieren zu wollen und dafür das geländetaugliche Gerät zu benötigen. Typisch Asien.
Rückflug wieder über Abu Dhabi und Bahrain. Der „Gulftraveller“ ist bis auf den letzten Platz belegt. Ganz überwiegend junge Indonesier, die Frauen unter ihnen, wie im eigenen Land nicht unbedingt überall üblich, mit Kopftuch. Wir fragen Dhany, 22, nach dem Zweck der Reise: „Arbeiten“, antwortet er, „die meisten schon seit Jahren“. Er als Fahrer. „Wir waren auf Heimaturlaub bei unseren Familien“.
Inzwischen wieder heimgekehrt stehen wir immer noch fassungslos und versuchen eine ganze Kleinigkeit zur Linderung der unvorstellbaren Not beizutragen. Langsam wird klar: Die „Killerwelle“ war erst der Anfang. Niemand kann das treffender ausdrücken als mein Bruder Sebastian in einer E-Mail aus Wellington, Neuseeland (ich hoffe er verzeiht mir die ungenehmigte Veröffentlichung): Natürlich gibts auch wieder Bilder. Hier klicken
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